Von Reizüberflutung zu Relevanz
Den Kampf um Aufmerksamkeit haben wir längst alle verloren. Am GDI-Trendtag 2026 ging es um die Frage, wie Marken künftig wirksam kommunizieren.
13. April 2026
Lesezeit: 8 Min
Inhalt
- Aufmerksamkeit ist nicht mehr der entscheidene Faktor
- Glaubwürdigkeit wird im KI-Zeitalter zur härtesten Währung
- Komplexität muss nicht vereinfacht, sondern übersetzt werden
- Starke Marken geben Orientierung, nicht noch mehr Reize
- Die digitale Erschöpfung ist real
- Was das für Marken jetzt konkret bedeutet
Heute berichte ich vom GDI-Trendtag 2026. Das Gottlieb Duttweiler Institute, kurz GDI, ist ein Schweizer Think Tank für Zukunfts- und Trendforschung, benannt nach dem Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler.
Der GDI-Trendtag 2026 stand unter dem Motto: weg von Reizüberflutung, hin zu Relevanz. Das klingt zunächst wie eine leere Formel. Tatsächlich aber beschreibt es, woran Kommunikation heute krankt. Zu viele Botschaften, zu viele Kanäle, zu viel Tempo, zu viel Oberfläche. Und gleichzeitig immer weniger von dem, was wirklich hängen bleibt.
Genau das machte den Trendtag so spannend. Denn die interessanteste Erkenntnis war nicht, dass wir in einer überreizten Welt leben. Das wissen wir ja längst. Wir wissen auch, dass Relevanz nicht durch mehr Lautstärke entsteht. Spannend war daher die Frage, die man sich am Trendtag stellte: Wodurch ensteht Relevanz?
Aufmerksamkeit ist nicht mehr der entscheidene Faktor
Lange Zeit war Aufmerksamkeit die Leitwährung der Kommunikation. Wer sichtbar war, hatte schon gewonnen. Wer Reichweite erzeugte, war erfolgreich. Der Tausender-Kontakt-Preis (TKP) und die Impressions waren lange die wichtigste KPI der Branche. Doch dieses Paradigma stößt jetzt an seine Grenzen. Denn Aufmerksamkeit ist inzwischen im Übermaß vorhanden. Recihweite lässt per Knopfdruck nach Belieben steigern. Was fehlt, ist also nicht Kontakt, sondern Bedeutung.
Hier wollte der GDI-Trendtag ansetzen. Viele der Vorträge kreisten letztlich um dieselbe Frage: Wie wird Kommunikation in einer Welt wirksam, in der alles professionell aussieht, alles algorithmisch optimiert ist und alles um denselben kurzen Moment der Reaktion konkurriert?
„Clickbait ist in Ordnung, solange der Titel auch ohne den Videoinhalt keine Desinformation enthält“
Mai Thi Nguyen-Kim
Die Antwort darauf ist unangenehm einfach. Menschen suchen heute weniger nach noch mehr Input als nach verlässlichen Signalen. Nach etwas, das ihnen hilft, einzuordnen, zu entscheiden und zu vertrauen. Relevanz ist damit keine Frage von mehr Content, sondern von besserer Orientierung.
Glaubwürdigkeit wird im KI-Zeitalter zur härtesten Währung
Besonders deutlich wurde das beim Thema Glaubwürdigkeit. Wenn künstliche Intelligenz heute in Sekunden Texte, Bilder, Stimmen und ganze Inszenierungen erzeugen kann, dann verliert die bloße Qualität der Oberfläche ihren alten Wert. Professionell wirkt inzwischen fast alles. Vertrauenswürdig ist damit noch lange nicht alles.
Das ist ein entscheidender Punkt für Marken. Denn über Jahre haben viele Unternehmen gelernt, Kommunikation vor allem sauber, schnell und attraktiv zu produzieren. Das bleibt wichtig, reicht aber nicht mehr. Wenn gute Darstellung inzwischen technisch leicht erzeugt werden kann, verschiebt sich die eigentliche Frage: Wofür steht eine Marke, wenn man die Inszenierung einmal abzieht?
Glaubwürdigkeit entsteht dann dort, wo Kompetenz, Integrität und Darstellung zusammenpassen. Oder anders gesagt: wenn das, was eine Marke sagt, mit dem übereinstimmt, was sie tut. In einer Zeit der synthetischen Perfektion wird Konsistenz plötzlich wieder etwas sehr Menschliches. Und gerade deshalb so wertvoll.
Komplexität muss nicht vereinfacht, sondern übersetzt werden
Ein zweiter roter Faden des Trendtags war der Umgang mit Komplexität. Wir leben in einer Welt, in der immer mehr Themen erklärungsbedürftig werden: KI, Nachhaltigkeit, Wissenschaft, Gesundheit, Daten, Transformation. Gleichzeitig sinkt die Geduld für lange, differenzierte Erklärungen. Das erzeugt einen gefährlichen Reflex: radikale Vereinfachung.
Doch genau hier lag eine der stärksten Einsichten des Tages. Gute Kommunikation besteht nicht darin, Komplexität zu zerstören. Sie besteht darin, sie so zu übersetzen, dass Menschen Zugang finden, ohne irregeführt zu werden.
Das ist bemerkenswert, weil darin eine neue kommunikative Ethik steckt. Aufmerksamkeit darf erzeugt werden. Zuspitzung darf sein. Aber nicht um den Preis der Verzerrung. Für Marken ist das hochrelevant. Denn die Versuchung ist groß, schwierige Themen entweder zu banal zu erzählen oder sich hinter Fachsprache zu verstecken. Beides schafft Distanz. Was heute gebraucht wird, ist eine Kommunikation, die verständlich ist und dennoch Substanz behält.
Starke Marken geben Orientierung, nicht noch mehr Reize
Vielleicht war das die praktischste Erkenntnis für Markenführung: In einer unübersichtlichen Welt werden Marken dann stark, wenn sie Orientierung geben. Nicht, wenn sie jeden Trend mitnehmen. Nicht, wenn sie überall gleichzeitig etwas sagen. Sondern wenn sie klare, wiedererkennbare und konsistente Signale senden.
Das klingt fast konservativ, ist aber hochaktuell. Denn in einem Umfeld permanenter Reizüberflutung wird Klarheit zur Differenzierungsleistung. Eine starke Marke reduziert Komplexität. Sie hilft Menschen, Entscheidungen schneller und sicherer zu treffen. Sie wirkt wie ein Leuchtturm, nicht wie ein weiteres blinkendes Objekt im Nebel.
„Zeigt Fokus, bleibt konsistent und habt den Mut, nicht alles zu versuchen.“
Dennis Herhausen
Genau deshalb war der Appell zur Konsistenz so wichtig. Viele Unternehmen leiden heute nicht an zu wenig Kommunikation, sondern an strategischer Unruhe. Einmal wird Haltung inszeniert, hier Nähe, dort Aktivismus. Ein anderes mal Effizienz, dann wieder Innovation. Alles hat irgendwo seine Berechtigung, aber in der Summe entsteht oft kein klares Bild. Relevanz entsteht nicht durch maximale Aktivität, sondern durch ein erkennbares Profil.
Die digitale Erschöpfung ist real
Der GDI-Trendtag zeigte auch, dass die Überforderung nicht nur ein Medienproblem ist, sondern längst ein kulturelles. Ein Großteil der Menschen erleben digitale Räume nicht mehr als Bereicherung, sondern als Belastung. Plattformen werden aggressiver, Inhalte extremer, Debatten polarisierter, Mechaniken manipulativer. Gleichzeitig sinkt die Qualität der Erfahrung.
Das ist ein zentraler Kontext für jede Kommunikationsstrategie. Denn Marken kommunizieren nicht im luftleeren Raum. Sie kommunizieren in einem Umfeld, das viele Menschen als anstrengend empfinden. Das hat Folgen. Wer heute erfolgreich sein will, muss nicht nur sichtbar sein, sondern auch respektieren, wie erschöpft das Publikum bereits ist.
Die wachsende Sehnsucht nach Einfachheit, Echtheit und Reduktion ist deshalb keine romantische Gegenbewegung. Sie ist eine direkte Reaktion auf digitale Überlastung. Menschen wollen weniger Benachrichtigungen, weniger künstliche Dringlichkeit, weniger manipulative Mechanik. Sie wollen Angebote, die ihnen das Leben leichter machen, nicht lauter.
Was das für Marken jetzt konkret bedeutet
Für mich liegt hier der eigentliche Erkenntnis des GDI-Trendtags. Nicht in einzelnen Trendbegriffen, sondern in einer klaren Verschiebung der Maßstäbe. Erfolgreiche Kommunikation wird künftig nicht daran gemessen, wie viel sie produziert, sondern wie viel sie klärt. Nicht daran, wie oft sie auftaucht, sondern wie sinnvoll sie anschlussfähig ist. Nicht daran, wie perfekt sie aussieht, sondern wie glaubwürdig sie wirkt.
Das hat Konsequenzen. Marken müssen wieder scharf entscheiden, wofür sie stehen. Sie müssen Komplexität intelligent übersetzen. Sie müssen konsistent auftreten. Und sie müssen akzeptieren, dass Relevanz oft gerade dort entsteht, wo man etwas weglässt.
Vielleicht ist das sogar die ermutigendste Nachricht des Trendtags: Marken müssen heute nicht noch mehr machen, sie müssen präziser werden und nützlich. Das ist nicht leicht, aber es hat auch etwas befreiendes, denn es verschiebt den Fokus weg vom hektischen Produzieren hin zum bewussten Gestalten.
Fazit
Am Ende bleibt vom GDI-Trendtag 2026 vor allem ein Gedanke hängen: In einer Welt, in der alles um Aufmerksamkeit kämpft, wird Relevanz zur eigentlichen Ausnahmeleistung. Wer Orientierung gibt, Vertrauen verdient und Komplexität sinnvoll reduziert, fällt auf, ohne schreien zu müssen.
Für Marken ist das keine kleine Korrektur, sondern ein strategischer Richtungswechsel. Die Zukunft gehört nicht denen, die den Lärm am besten beherrschen. Sondern denen, die ihm etwas entgegensetzen.
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Armin Bonelli
13. April 2026
Lesezeit: 8 Min


